Ziel der vorliegenden Arbeit war es, auszuloten, inwieweit sich Gebrauch und Bedeutung von Grundfarbadjektiven mit formalen Modellen beschreiben lassen. Aus Kapitel 1., das die Forschungsgeschichte der Farbwortlinguistik aufarbeitet, ergeben sich zwei Ansätze, die als Ausgangspunkte zu einer formalen Beschreibung geeignet sind: (1.) Mit Berlin & Kay (1969) begann eine Tradition empirischer Farbwortforschung, deren erster und wichtigster Schritt die Einteilung des Farbwortschatzes in Grund- und sekundäre Farbwörter war. Der Grundfarbwortschatz, auf den sich diese Tradition nahezu ausschließlich beschränkt, zeigt eine Reihe von universalen Erscheinungen. Die 'foci' von Grundfarbkategorien verschiedener Sprachen fallen signifikant häufig zusammen. Diese quasi-universalen 'foci' lassen sich auf sechs neurophysiologisch begründete 'Urfarben' (Schwarz, Weiß, Rot, Gelb, Grün und Blau) zurückführen. Diese sechs 'Urfarben' sind zu drei Paaren geordnet, von denen eines (Schwarz-Weiß bzw. Hell-Dunkel) graduierbar ist und damit eine Antonymie-Relation darstellt. Die anderen beiden (Rot-Grün und Gelb-Blau) bilden dagegen Komplementaritäts-Relationen, da sie einander ausschließen. Die Kategorien, die auf diesen 'Urfarben' bzw. den quasi-universalen 'foci' beruhen, stehen in einer Hierarchie zueinander, die sich für den Farb wortschatz in implikativen Universalien äußert. Als erstes werden die achromatischen Farben Schwarz und Weiß kategorisiert. Ihnen folgt Rot als wichtigste chromatische Farbe, anschließend Gelb, Grün und Blau. Alle anderen Grundfarbkategorien lassen sich als Kombinationen dieser sechs definieren, z.B. ORANGE als ROT + GELB. Der Vorteil dieses universalen Ansatzes besteht darin, dass er die verschiedenen Grundfarbkategorien zueinander in ein System stellt.
(2.) Wierzbicka leitet die 'foci' der Grundfarbkategorien von "farbigen" Vergleichsobjekten (Tag, Nacht, Feuer/Blut, Sonne, Vegetation, Himmel, Erde) her. Problematisch an Wierzbickas "intuitivem" Ansatz ist, dass diese Vergleichsobjekte keine Universalien sind und deren charakteristische Farbe nicht immer mit den empirisch belegten, universalen 'foci' übereinstimmt. Der Ansatz stellt dennoch einen wertvollen Beitrag dar, verankert er doch das Phänomen 'Farbe' in der Welt und bietet mit den Vergleichsobjekten einen "Knoten", von dem aus Verbindungen zu neuen metaphorischen Bedeutungen hergestellt werden können.
Aus Kapitel 2. gehen als Grundfarbwörter des Russischen hervor: белый, голубой, жёлтый, зелёный, коричневый, красный, оранжевый, розовый, серый, синий, фиолетовый, чёрный; als tschechische Grundfarbwörter müssen gelten: bílý, černý, červený, fialový, hnědý, modrý, oranžový, růžový, šed(iv)ý, zelený, žlutý. Das Russische verfügt damit über ein Grundfarbwort mehr, dem Tschechischen modrý stehen синий und голубой gegen über. Allerdings weisen psychologische Studien darauf hin, dass die Wörter синий und голубой nur eine kognitive Kategorie blau repräsentieren. Dabei erweist sich vor allem der Status von голубой als fraglich: als Kategorie scheint es von синий eingeschlossen oder überlagert, und von Kindern wird es erst nach синий erworben. In der Sprache übernimmt голубой dagegen wichtige Funktionen. Es ist phraseologisch aktiver als синий. In dieser Eigenschaft ähneln синий und голубой dem tschechischen Paar červený/rudý. Als Grundfarbwort muss červený gelten, doch repräsentiert rudý wichtige Symbolfunktionen der Farbe Rot, vor allem im politischen Kontext. Die historische Entwicklung des Grundfarbwortschatzes im Russischen und Tschechischen (Kap. 2.4) folgt in groben Zügen dem Schema Berlin & Kays. Interessant ist die Bedeutungsverschiebung des russischen красный von 'schön' zu 'rot'. Zwischen beiden Bedeutungen bestand zu Zeiten der Verschiebung (und besteht heute noch) eine hohe semantische Afinität.
Im Zentrum des dritten Kapitels standen Gebrauch und Bedeutung einiger russischer und tschechischer Grundfarbwörter. Diese werden in den verschiedensten Kontexten verwendet, sind in zahlreiche Kollokationen eingebunden und erfüllen mannigfache symbolische und metaphorische Funktionen. Die Struktur der Bedeutungen erweist sich als außerordentlich komplex. Verschiedene sprachliche Prinzipien, allen voran Metapher und Metonymie, wirken zusammen. Von den zwei oben beschriebenen Ansätzen und den Modellen 'Familienähnlichkeiten' und 'Prototypen' kann keines allein die Bedeutungsstruktur adäquat beschreiben. In einigen Bereichen dominiert einer der vier Theorien, in anderen wirken sie zusammen. Die Theorien können die logische Anordnung der Bedeutungen begründen und beschreiben. Bei der Zuordnung der Bedeutungen zum sprachlichen Zeichen kommt ein Prinzip hinzu, das 'Konvention' genannt wird. Besonders auffällig tritt es in Erscheinung, wenn eine Farbkategorie durch zwei Lexeme repräsentiert wird, wie im Fall von синий und голубой bzw. červený und rudý. Damit gilt auch für die semantische Struktur der Grundfarbadjektive: "Colour-cognition is more universal than colour-language" (Davies 1997: 186).