Die vorliegende Arbeit versteht sich als Beitrag "Zur Semantik der Grundfarbadjektive im Russischen und Tschechischen. Sie ist weit davon entfernt die Bedeutung der Grundfarbadjektive hinreichend zu beschreiben. Letztendlich wirft sie mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Die Kernfrage besteht darin, zu untersuchen, wie sich die Bedeutungsstrukturen der untersuchten Grundfarbadjektive in bestehende semantische Modelle einbinden lassen, oder - andersherum gefragt - ob die beobachteten Strukturen eines der Modelle bestätigen können. Als semantische Modelle kommen in Frage: (1.) ein universalistisches, in der Biologie des Farbsehens begründetes Farbwortmodell, das in der Tradition von Berlin & Kays "Basic Color Terms" steht; (2.) der Ansatz Anna Wierzbickas, der Farben über geeignete typische Vergleichsobjekte zu deinieren versucht. Als allgemeine semantische Modelle befassen sich mit Bedeutung und Kategoriestrukturen (3.) Ludwig Wittgensteins 'Familienähnlichkeiten' und (4.) Eleanor Roschs 'Prototypen'.
Die Arbeit entwickelte sich entlang zweier Stränge: Das Studium der Literatur, die mit Farbwörtern befasst war, sollte theoretische Grundlagen für eine semantische Beschreibung liefern, parallel dazu erfolgte die Materialaufnahme. Da ein dem Kontextualismus verplichteter Ansatz gewählt wurde, galt es möglichst viele verschiedene Lesarten, Kollokationen und Phraseologismen zu ermitteln. Dazu wurden etwa 50 Wörterbücher auf Grundfarbadjektive hin durchgesehen. Alle Einträge, inklusive der Kollokationen und Phraseologismen, wurden in eine Datenbank aufgenommen. Geplant war zunächst auch ein oder mehrere Textkorpora miteinzubeziehen, doch erwies sich die Arbeit mit den Wörterbüchern als aufwendig genug. Daten aus Textkorpora werden nur unterstützend und selten herangezogen.
Bei der Erfassung der Wörterbucheinträge wurde jeder Lesart, jeder Kollokation, jedem Syntagma ein eigener Datensatz zugeordnet. Gesammelt wurden gut 7000 Datensätze. Das Sortieren und Indizieren der Daten erwies sich im Vergleich zur Datenerfassung selbst als umfangreicher. Deshalb konnten nur je fünf russische und tschechische Lexeme analysiert werden. Красный, červený und rudý wurden ebenso wie синий, голубой und modrý ausgewählt, weil sich in ihnen die beiden untersuchten Sprachen maximal unterscheiden: Jeweils eine der Sprachen benennt die zugrundeliegende Farbe mit zwei Wörtern. Die beiden Lexeme розовый und růžový fanden wegen der konzeptuellen Nähe von розовый und голубой Aufnahme. Оранжевый und oranžový schließlich wurden als Pilotprojekt analysiert. Von Polysemie zu sprechen ist bei ihnen kaum möglich, entsprechend übersichtlich ist ihre semantische Struktur. Die sortierten und indizierten Daten der analysierten Grundfarbadjektive sind im Anhang (ab S. 132) in Tabellenform zusammengefasst. Nur exemplarisch sind sie im Hauptteil der Arbeit (Kap. 3.3) auch interpretiert.
Die vorliegende Arbeit ist gegenüber der Erstfassung, die als Magisterarbeit im Fach Slavistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München eingereicht wurde, um einige orthographische und stilistische Fehler bereinigt worden. Auch hinsichtlich des Layouts wurden einige Verbesserungen vorgenommen. Inhaltlich blieb die korrigierte Fassung ohne Änderungen.
Das erste Kapitel verfolgt zwei Ziele: Es soll einen Überblick über die Farbwortforschung geben und dabei den Begriff des 'Grundfarbworts' einführen. Die Farbwortlinguistik blickt auf nun 140 Jahre Forschungsgeschichte zurück. Seit 1858 sind mehr als 3000 Beiträge zu diesem Thema erschienen (MacLaury 1997a: 15), verständlicherweise ist hier nur ein grober Überblick möglich. Den Anfang macht ein kurzer Exkurs in die Biologie der Farbwahrnehmung. Die linguistische Farbwortforschung gliedert sich in drei Etappen: den Evolutionismus des 19. Jahrhunderts, den Strukturalismus bzw. Relativismus in den ersten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts und schließlich die von Berlin & Kay 1969 eingeleitete Renaissance des Evolutionismus, der mit seinen universalistischen Zügen in klarem Gegensatz zum vorausgehenden Relativismus steht. Bei der Darstellung dieser drei Etappen nehmen Berlin & Kay und die universalistische Tradition den meisten Raum ein. Die Studie von Berlin & Kay rief harte Kritik hervor, beeinflusste die Forschung aber wie kaum eine andere. Zahlreiche an sie anknüpfende Untersuchungen erforderten Modifikationen, bestätigten im Wesentlichen aber die Ergebnisse von 1969. Doch auch nach 140 Jahren Farbwortforschung scheint die Debatte zwischen Relativisten und Universalisten nicht beendet. Die Kritiker verstummen nicht. Unter ihnen beindet sich Anna Wierzbicka, deren Ansatz die einzige Alternative zu den universalistischen Modellen darstellt. Das Kapitel endet mit einem Rückblick über 140 Jahre Farbwortforschung und einem Ausblick zur Diskussion zwischen Relativisten und Universalisten, in der sich ein Ausgleich abzuzeichnen beginnt.
Das zweite Kapitel rückt die Grundfarbadjektive der beiden untersuchten Sprachen, Russisch und Tschechisch, in den Mittelpunkt. Zunächst soll geklärt werden, wieso gerade die Gruppe der Grundfarbadjektive für eine semantische Untersuchung geeignet ist. Weiter gilt es diese Gruppe genau zu bestimmen. Für das Russische liegen dazu zahlreiche Arbeiten vor. Sie dienen als Grundlage und werden, soweit möglich, auf das Tschechische übertragen. Der Begriff 'Grundfarbwort' ist nicht unumstritten. Als überwiegend sprachliche Größe ist sein Status als kognitive Kategorie nicht immer gesichert. Stehen der oft zitierten russische Besonderheit, 'Blau' mit zwei Lexemen zu bezeichnen, auch zwei kognitive Kategorien gegen über? Mit dieser Frage und mit der kognitiven Repräsentation von Farbkategorien überhaupt beschäftigen sich etliche psychologische Studien. Von ihnen sollen einige vorgestellt werden: (sowjet)russische und "ausländische", Studien in und außerhalb der Tradition Berlin & Kays, Studien mit Erwachsenen und zum Spracherwerb von Kindern. Bisher vernachlässigt wurde der diachrone Aspekt. Er ist deshalb von Interesse, weil in der Phylogenese einer Sprache die von Berlin & Kay postulierte Evolution des Grundfarbwortschatzes aufscheinen sollte. Ein knapper Exkurs in Etymologie und Geschichte der tschechischen und russischen Grundfarbadjektive stellt sich dieser Frage.
Das dritte Kapitel behandelt Gebrauch und Bedeutung der russischen und tschechischen Grundfarbadjektive. Zu Beginn sind einige theoretische Grundlagen zu klären: der Kontextualismus, der ja als Ansatz für diese Arbeit gewählt wurde, soll vorgestellt werden. Eng mit ihm verbunden ist der Begriff 'Kollokation'. Als wichtige sprachliche Prinzipien betrachtet die kognitive Linguistik Metapher und Metonymie. Sie sind für (nahezu) alle Bedeutungserweiterungen und Neologismen verantwortlich, und auch in der Semantik von Grundfarbwörtern spielen sie eine wichtige Rolle. Im Anschluss an die theoretischen Grundlagen werden einige Arbeiten vorgestellt, die sich mit dem Einfluss des Kontextes auf die Bedeutung von russischen und tschechischen Farbwörtern befassen. Der Schwerpunkt des dritten Kapitels liegt jedoch in der Interpretation der im Anhang abgedruckten Tabellen. Die Tabellen erfassen alle in den Wörterbüchern belegten Bedeutungen. Ihre Interpretation kann nur exemplarisch sein. Am Schluss des Kapitels und auch der Arbeit werden zwei semantische Modelle, Wittgensteins Familienähnlichkeiten und Roschs Prototypen, kurz vorgestellt und ihre Anwendbarkeit auf die Bedeutungsstruktur der Farbe Blau untersucht.