MÜNCHNER GALERIE THEATER <br> PRESSEMAPPE

MÜNCHNER GALERIE THEATER
PRESSEMAPPE


PREMIEREN:
Ingeborg Bachmann DER GUTE GOTT VON MANHATTAN, 11. September 2002, Black Box, Gasteig
Johann Wolfgang Goethe, FAUST II, 27. November 2003, Black Box, Gasteig

Münchner Galerie Theater
Manuela Clarin und Ingmar Thilo Geigenbergerstr. 37 D-81477 München

Tel/Fax: +49 89 7915329
E-mail: ingmar@cis.uni-muenchen.de
WEB-Seite: www.cis.uni-muenchen.de/~ingmar

Der gute Gott von Manhattan von
I.Bachman Plakat





Der Richter
und der gute Gott Foto Heinzen
Der gute Gott (Raphaela Zick) und der Richter (Max Friedmann)



Jennifer und JanFoto Heinzen
Jan (Marian Nomi) und Jennifer (Anna Clarin): Die Gegenzeit beginnt



Jennifer und JanFoto Heinzen
Jennifer (Anna Clarin) und Jan (Marian Nomi) in der Nachtbar



Billy und FrankieFoto Heinzen
Billy (Antonios Safralis) und Frankie (Wolfgang Czeczor)



Der Richter
und der gute Gott Foto Heinzen
Der Richter (Max Friedmann) übernimmt die Position des guten Gottes (Raphaela Zick)



DER GUTE GOTT VON MANHATTAN von Ingeborg Bachmann
Regie: Ingmar Thilo, Bühnenbild: Manuela Clarin
Musik: Niel Mitra und Lorenz Schuster
Mitwirkende: Raphaela Zick (Guter Gott), Max Friedmann (Richter), Anna Clarin (Jennifer), Marian Nomi (Jan), Wolfgang Czeczor (Frankie), Antonios Safralis (Billy)
Fotos: Copyright Fotostudio Johannes Heinzen
Rechte: Ingeborg Bachmann, Werke Bd. 1, Copyright Piper Verlag GmbH, München 1978

AUFFÜHRUNGEN:
MÜNCHEN: Gasteig, Black Box am 11. September 2002 um 20 Uhr
MÜNCHEN-Neuperlach: PEPPER am 13. und 14. September 2002 um 20 Uhr
ULM: Akademietheater der ADK am 28. September 2002 um 20 Uhr
MÜNCHEN-Gräfelfing: Bürgerhaus am 22. März 2003 um 19.30 Uhr






INHALT:

DER GUTE GOTT VON MANHATTAN von INGEBORG BACHMANN

Der "Gute Gott" sitzt vor dem Richter und ist wegen Mordes an verschiedenen Liebespaaren angeklagt. Er fühlt sich verantwortlich für die Ordnung der Welt und schreitet jedesmal, wenn er sie gefährdet sieht, mit seinen Agenten ein und greift zur Bombe. Am Beispiel von Jennifer und Jan erklärt er dem Richter seine Motive. Jennifer und Jan lernen sich am Bahnhof von New York kennen. Anfangs sieht alles nur nach einem Abenteuer zwischen zwei Unbekannten aus, aber schon nach der ersten gemeinsamen Nacht wissen beide, daß es Liebe ist. Jans Abreise wird verschoben, ihre Leidenschaft zueinander wächst und bald können sie nicht mehr voneinander lassen. Parallel dazu ziehen sie, mit geheimer Hilfe der Eichhörnchen, immer in ein noch höher gelegenes Hotelzimmer. Für Jennifer gibt es nur noch Jan, für Jan gibt es nur noch Jennifer. Es existiert keine Vergangenheit, ebensowenig irgendeine Zukunft, geschweige denn Verpflichtungen wie Familie, Beruf und Lebenssorgen. Möglich sind nur noch Liebe und Tod. Mit diesem Verschwinden jeglicher Ordnung ist für den "Guten Gott" die Grenze überschritten und der Zeitpunkt zum Einschreiten gekommen. Zusammen mit seinen Zuarbeitern, den Eichhörnchen, hat er schon alles vorbereitet - die Bombe fliegt. Aber Jan überlebt. Er war nicht bei Jennifer, wollte seine Schiffskarte zurückgeben, landete in einer Bar, las die Zeitung, genehmigte sich einen Drink. Er war "rückfällig" geworden, war nicht mehr gefährlich für den normalen Ablauf der Welt. Der Richter entläßt den "guten Gott", er verschwindet über die Hintertreppe.

Manuela Clarin



BESCHREIBUNG DES PROJEKTS "DER GUTE GOTT VOM MANHATTAN" von INGEBORGBACHMANN

Ingeborg Bachmann zeigt in ihrem Werk, daß leidenschaftliche, bedingungslose Liebe zu wirklich Außergewöhnlichem fähig ist. Durch diese absolute Liebe setzt sich der Mensch über alle Konventionen, gesellschaftlichen Zwänge und Kompromisse hinweg. Diese Liebe ist für die gewöhnliche Welt nicht tragbar, nicht ertragbar, folglich muß sie zerstört werden und zwar mit Hilfe von Bürokratie, Intrigen und Denunziation. Bei wem selbst diese Mittel nichts bewirken, hilft nur noch mörderische Gewalt.

Unser Konzept besteht darin, diese allgemeingültigen Aussagen Ingeborg Bachmanns so zu inszenieren, daß der Phantasie der Zuschauer eine Zuordnung zu heutigen Ereignissen, Personen und Institutionen gelingen kann.

Um die Lyrik in Ingeborg Bachmanns Werk nicht nur hörbar, sondern auch fühlbar zu machen, haben wir die beiden Akteure der Rahmenhandlung, nämlich den "Guten Gott" und den Richter, in überdimensionalen Figuren verdoppelt. Dadurch können wir die Macht und Unangreifbarkeit dieser Personen dem Publikum spürbar vermitteln.

Manuela Clarin



Weltgericht, Terror, Liebe und Freiheit
DER GUTE GOTT VON MANHATTAN
von INGEBORG BACHMANN


Das Stück Ingeborg Bachmanns aus dem Jahr 1958 erweist sich zunehmend als geradezu visionär: Das Weltstrafgericht ist bereits installiert, und im Gerichtssaal sitzt der Gute Gott vor seinem Richter.

"Alles muß so bleiben, wie es ist", so lautet die Botschaft des Guten Gottes, und damit alles so bleibt, wie es ist, zündet er die Bombe.

Getroffen werden sollen Jennifer und Jan. In ihrer überwältigenden Liebe droht eine neue Zeit, die Gegenzeit, hereinzubrechen - und genau das darf nicht sein.

Damit es mit tödlicher Sicherheit die Richtigen trifft, bedient sich der Gute Gott hunderter von Kundschaftern und Agenten. Ein infamer Nachrichtendienst gegen die Phalanx der Liebenden, die die Freiheit in den Höhen sieht, "wo die Adler nicht wohnen".

Die Freiheit verliert den Prozeß: Der Richter entläßt den Guten Gott durch die Hintertür. Das letzte Wort ist - Schweigen.

Im April 1973 wird das World Trade Center eingeweiht. Am 17. Oktober 1973 stirbt Ingeborg Bachmann an den Folgen eines Brandunfalls.

Ingmar Thilo



Ingeborg Bachmann und der 11. September?

Wer es unternimmt, ein Stück mit dem Titelwort "Manhattan" zu inszenieren, und die Premiere dieses Stückes ausgerechnet auf den Jahrestag des 11. September 2001 legt, muß natürlich nach einer stichhaltigen Begründung seines Tuns gefragt werden. Der Hinweis, daß die Planungen zu diesem Stück weit in die Zeit vor das Jahr 2001 zurückreichen, kann da ebensowenig genügen wie der Verweis auf möglicherweise vergleichbare Unternehmungen in den USA selbst. Sogar der Rückgriff auf Debatten über aufklärerische, politische oder sonstige gesellschaftliche Funktionen des Theaters muß angesichts der Schwere des Ereignisses eher schal bis anrüchig wirken.

Ich habe hier nur meine eigene Betroffenheit anzuführen, die mich nach vieljähriger Beschäftigung mit dem auf mich geradezu visionär wirkenden Werk Ingeborg Bachmanns dazu zwingt, den guten Gott von Manhattan nicht nur einer allgemeinen und überzeitlichen Bedeutung wegen, sondern eben wegen seiner mir unabweisbaren und zwingenden Aktualität auf die Bühne zu bringen. Der Grund ist also kein anderer, als Ingeborg Bachmanms Denk- und Sprachgewalt selbst. Der gute Gott von Manhattan hat uns nicht nur überhaupt etwas zu sagen - ja, er kann uns in dieser finstersten aller Zeiten wichtige Denkanstöße und höchst bedeutsame Fingerzeige geben.

Unter der bewußten Einschränkung, daß die Aussage eines Kunstwerks nicht anders als durch dieses Kunstwerk selbst gültigen und erschöpfenden Ausdruck finden kann, will ich zumindest versuchen, einige Gedanken anzutippen, die einfach alles über den Haufen werfen, was sonst zum Thema "Terrorismus" öffentlich gemacht wurde.

Da ist zuallererst die Aussage, daß der terroristische Mord nicht etwa dem Chaos verbündet ist, sondern verübt wird, um Ruhe und Sicherheit vor dem Chaos zu bewahren. "Ich habe es getan, damit es Ruhe und Sicherheit gibt, auch damit Sie hier ruhig sitzen und sich die Fingerspitzen betrachten können und der Gang aller Dinge der bleibt, den wir bevorzugen." - sagt der gute Gott.

Da ist zweitens die Aussage, daß der terroristische Mord eben deswegen und gerade nicht wegen irgendwelcher umwälzenden, wenn auch utopischen Ziele, "gut" ist. Der gute Gott handelt um des Guten willen. Mordlust ist ihm fremd. Mit den ausschweifenden Phantasien und Auswüchsen seiner Handlanger will er nichts zu tun haben.

Aber doch, und das ist eine weitere und dritte Aussage, kann er seine Arbeit nicht ohne diese - seine "Eichhörnchen" - machen. "Sie waren mein Nachrichtendienst, die Briefträger, Melder, Kundschafter, Agenten." Es sind hunderte, und ohne ihre beiden Hauptleute, Billy und Frankie, ist der gute Gott handlungsunfähig. "Auf sie war wirklich Verlaß. Ich legte nie eine Bombe, ehe die beiden nicht den Ort gefunden und die Zeit errechnet hatten, an dem es todsicher, in der es todsicher ... die treffen mußte, die gemeint waren!"

Gemeint ist viertens die Freiheit. "Es gibt nämlich einiges in den Höhen, wo die Adler nicht wohnen. Freiheit. Ein Unwesen, das die Phalanx der Liebenden in Besitz nimmt und verteidigt voller Verblendung." Die Freiheit aber gilt es nicht allgemein sondern in den Einzelnen zu treffen. Der gute Gott steht nicht auf "Massenvernichtung", sondern auf "Einzelvernichtung".

Und die Einzelvernichtung, und das ist die fünfte und hier vorerst letzte von vielen weiteren Aussagen Ingeborg Bachmanns, trifft die Liebenden, die sich um keine Ordnung mehr scheren. "Ja, auffliegen müssen sie, spurlos, denn nichts und niemand darf ihnen zu nah kommen. Sie sind wie die seltenen Elemente, die da und dort gefunden werden, jene Wahnsinnsstoffe, mit Strahl- und Brandkraft, die alles zersetzen und die Welt in Frage stellen. Noch die Erinnerung, die von ihnen bleibt, verseucht die Orte, die sie berührt haben."

Damit ist nun eine Grenzlinie gezogen, die es mir erlaubt, die Quintessenz aus allen Aussagen des Stückes zu ziehen: Gegenüber stehen sich nicht gute und böse, ordentliche und terroristische Gewalt, sondern terroristische Gewalt und jede Gewalt auf der einen Seite und die alles verzehrende Freiheit der Liebenden auf der anderen Seite.

Ingmar Thilo


Ingeborg Bachmann
Nach der Kurzbiografie des Literaturhauses Wien

Geboren am 25.Juni 1926 in Klagenfurt / Kärnten.
1945-50 Studium der Philosophie in Graz, Innsbruck und Wien.
1950 Promotion mit einer Dissertation über die kritische Rezeption der Philosophie Martin Heideggers.
Ab 1946 Veröffentlichung von Lyrik und Prosa in österreichischen Zeitungen und Zeitschriften.
1951-53 Mitarbeiterin bei der Sendergruppe "Rot-Weiß-Rot" in Wien.
Zahlreiche Bearbeitungen für den Hörfunk.
1952 erste Lesung bei der Tagung der "Gruppe 47" in Niendorf.
Beginn der Zusammenarbeit mit Hans Werner Henze.
Ab 1953 Wohnsitz zumeist in Rom (ständig ab 1966).
Aufenthalte in Deutschland, der Schweiz, den USA.
1954/55 Rom-Korrespondentin der Zeitung "Westdeutsche Allgemeine", Essen.
Ab 1957 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
1957/58 Dramaturgin beim Bayerischen Fernsehen.
1958 Mitglied im "Komitee gegen die Atomrüstung".
Freundschaft mit Max Frisch.
1959/60 erste Gastdozentin für Poetik an der Universität Frankfurt am Main.
Ab 1961 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin (West).
1965 Vorstandsmitglied der "Comunità Europea degli Scrittori".
1973 Vortragsreise nach Polen und Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz.

Gestorben am 17. Oktober 1973 in Rom an den Folgen eines Brandunfalls.

Preise, Auszeichnungen

1953 Preis der "Gruppe 47"
1955 Literaturpreis des Kulturkreises der Deutschen Industrie
1957 Bremer Literaturpreis der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung
1959 Hörspielpreis der Kriegsblinden des Bundes der Kriegsblinden Deutschlands/Bonn
1961 Kritikerpreis für Literatur des Verbands der deutschen Kritiker Berlin
1964 Georg-Büchner-Preis für Literatur der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt
1968 Großer Österreichischer Staatspreis des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur
1971 Anton-Wildgans-Preis der österreichischen Industrie für Literatur